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Berater und Gründerin besprechen Unterlagen im Büro

Wer Arbeitslosengeld 1 bezieht und über eine Selbstständigkeit nachdenkt, kann unter bestimmten Voraussetzungen einen Gründungszuschuss der Agentur für Arbeit erhalten. Dieser Beitrag erklärt, wie die Förderung funktioniert, wer sie beantragen kann, wie hoch sie ausfällt und worauf es bei der Antragstellung ankommt. Wie Arbeitslosengeld 1 grundsätzlich mit einer selbstständigen Tätigkeit zusammenhängt, fasst Arbeitslosengeld 1 und Selbstständigkeit zusammen. Einen Überblick zu den allgemeinen Rahmenbedingungen der Existenzgründung finden Sie unter Selbstständig in Deutschland: Chancen, Kosten und der Weg zur eigenen Firma.

Der Schritt aus der Arbeitslosigkeit in die Selbstständigkeit ist für viele Menschen in Deutschland ein naheliegender Gedanke: Statt auf eine neue Festanstellung zu warten, wird die eigene Geschäftsidee zum Beruf. Damit dieser Übergang finanziell abgefedert wird, hat der Gesetzgeber den Gründungszuschuss geschaffen. Er richtet sich an Personen, die Arbeitslosengeld 1 (ALG I) beziehen und sich hauptberuflich selbstständig machen möchten. Der folgende Artikel ordnet die wichtigsten Fakten ein – von den gesetzlichen Grundlagen über die Höhe der Förderung bis zu den häufigsten Fehlern, die zu einer Ablehnung führen können.

Zum Einordnen

Dieser Artikel ist ein allgemeiner Überblick zu Bildungs- und Informationszwecken. Er ersetzt keine individuelle Beratung durch die Agentur für Arbeit, eine Steuerberatung oder eine sonstige fachkundige Stelle. Da jede persönliche und geschäftliche Situation unterschiedlich ist, sollten die aktuellen Voraussetzungen und Fristen vor jeder Entscheidung im Einzelfall geprüft werden.

Berater und Gründerin besprechen Unterlagen im Büro

Was ist der Gründungszuschuss?

Der Gründungszuschuss ist eine Leistung der Bundesagentur für Arbeit nach § 93 f. SGB III. Er soll Menschen, die aus der Arbeitslosigkeit heraus ein Unternehmen gründen oder als Freiberufler bzw. Freiberuflerin tätig werden, in der wirtschaftlich unsicheren Anfangsphase absichern. Die Förderung ersetzt in dieser Zeit weder ein Gehalt noch garantiert sie den unternehmerischen Erfolg – sie soll lediglich den Lebensunterhalt und die soziale Absicherung in der Gründungsphase erleichtern.

Wichtig zu wissen: Seit einer Gesetzesänderung, die zum 28. Dezember 2011 in Kraft trat, ist der Gründungszuschuss keine Pflichtleistung mehr, sondern eine sogenannte Ermessensleistung. Das bedeutet, dass selbst bei Erfüllung aller formalen Voraussetzungen kein automatischer Rechtsanspruch besteht. Die zuständige Agentur für Arbeit entscheidet im Einzelfall, ob die Erfolgsaussichten des Vorhabens eine Förderung rechtfertigen.

Zur Einordnung: weniger Empfänger seit der Reform 2011/2012

Nach Angaben, die unter anderem in öffentlich zugänglichen Statistiken zusammengefasst sind, ist die Zahl der Personen, die einen Gründungszuschuss erhalten, seit der Reform von rund 240.000 im Jahr 2011 auf rund 27.000 im Jahr 2024 zurückgegangen. Die Umstellung auf eine Ermessensleistung und die strengeren Voraussetzungen gelten als wesentliche Gründe für diesen Rückgang.

Beraterin bespricht die Antragsunterlagen mit einer angehenden Gründerin

Wer kann den Gründungszuschuss beantragen? Die wichtigsten Voraussetzungen

Nicht jede Person, die arbeitslos ist und ein Unternehmen gründen möchte, erfüllt automatisch die Voraussetzungen. In der Praxis prüft die Agentur für Arbeit vor allem folgende Punkte:

  • Zum Zeitpunkt der Existenzgründung besteht noch ein Restanspruch von mindestens 150 Tagen auf Arbeitslosengeld 1.
  • Es wird tatsächlich Arbeitslosengeld 1 bezogen bzw. die Voraussetzungen dafür liegen unmittelbar vor der Gründung vor.
  • Die Selbstständigkeit wird hauptberuflich ausgeübt, in der Regel mit einem zeitlichen Umfang von mindestens 15 Wochenstunden.
  • Eine fachkundige Stelle (zum Beispiel IHK, Handwerkskammer, Steuerberatung oder ein anerkannter Gründungsberater) bestätigt schriftlich die Tragfähigkeit des Vorhabens.
  • Persönliche Eignung und unternehmerische Kenntnisse werden von der Agentur für Arbeit als ausreichend eingeschätzt, etwa auf Basis von Lebenslauf, Qualifikationen und bisheriger Berufserfahrung.
Ermessensleistung bedeutet: kein Automatismus

Auch wenn alle formalen Kriterien erfüllt sind, kann ein Antrag abgelehnt werden, wenn die zuständige Vermittlungsfachkraft die Erfolgsaussichten des Vorhabens anders bewertet. In der Praxis empfiehlt es sich daher, frühzeitig das Gespräch mit der Agentur für Arbeit zu suchen und die eigene Gründungsidee gut vorzubereiten, statt sich ausschließlich auf die formalen Voraussetzungen zu verlassen.

Wie hoch ist der Gründungszuschuss und wie lange wird er gezahlt?

Die Förderung ist in zwei Phasen unterteilt, die zusammen eine maximale Laufzeit von 15 Monaten ergeben können.

6 MonatePhase 1: bisheriges ALG I plus 300 € monatlich zur sozialen Absicherung
9 MonatePhase 2: pauschal 300 € monatlich, nach separatem Antrag und Tätigkeitsnachweis
15 Monatemaximale Gesamtlaufzeit beider Phasen zusammen
PhaseDauerHöhe (Richtwert)Voraussetzung
Phase 1bis zu 6 Monatezuletzt bezogenes ALG I + 300 €/MonatBewilligung des Erstantrags
Phase 2bis zu 9 weitere Monate300 €/MonatNachweis einer aktiven, hauptberuflichen Geschäftstätigkeit

In der Praxis bewegt sich die insgesamt ausgezahlte Summe je nach individuellem ALG-I-Anspruch häufig zwischen rund 10.000 € und 15.000 €, kann im Einzelfall aber auch höher oder niedriger liegen. Der Zuschuss ist nach aktueller Rechtslage steuerfrei und muss bei ordnungsgemäßer Bewilligung nicht zurückgezahlt werden. Da sich Beträge, Freibeträge und steuerliche Rahmenbedingungen ändern können, sollten die aktuellen Werte vor der Antragstellung bei der Agentur für Arbeit oder einer Steuerberatung verifiziert werden.

Der Antrag Schritt für Schritt

Der Ablauf unterscheidet sich von Fall zu Fall, folgt in der Regel aber einem ähnlichen Muster:

  1. Frühzeitig Kontakt aufnehmen. Ein Beratungsgespräch mit der zuständigen Vermittlungsfachkraft der Agentur für Arbeit gilt als sinnvoller erster Schritt, idealerweise sobald die Gründungsidee konkreter wird.
  2. Unterlagen vorbereiten. Dazu gehören in der Regel ein Businessplan, ein Kapitalbedarfs- und Finanzierungsplan, eine Umsatz- und Rentabilitätsvorschau sowie ein Lebenslauf mit Qualifikationsnachweisen.
  3. Tragfähigkeitsbescheinigung einholen. Eine fachkundige Stelle bewertet, ob das Geschäftsmodell aus fachlicher Sicht tragfähig erscheint.
  4. Antrag einreichen. Der Antrag wird bei der Agentur für Arbeit gestellt, üblicherweise bevor die Selbstständigkeit formal aufgenommen bzw. das Gewerbe angemeldet wird.
  5. Entscheidung abwarten. Die Agentur für Arbeit prüft den Antrag und teilt die Entscheidung schriftlich mit.
  6. Phase 2 rechtzeitig beantragen. Vor Ablauf der ersten sechs Monate ist ein gesonderter Antrag für die zweite Förderphase erforderlich, inklusive Nachweis der bisherigen Geschäftstätigkeit.
Auf die Reihenfolge kommt es an

Wird die selbstständige Tätigkeit bereits aufgenommen, bevor der Antrag gestellt wurde, kann dies die Bewilligung gefährden, da die Arbeitslosigkeit zu diesem Zeitpunkt formal bereits beendet sein könnte. In der Praxis empfiehlt es sich, die Reihenfolge Beratungsgespräch → Unterlagen → Antragstellung → Gewerbeanmeldung/Aufnahme der Tätigkeit einzuhalten und die genaue Abfolge mit der zuständigen Agentur für Arbeit abzustimmen.

Die Tragfähigkeitsbescheinigung: das wichtigste Dokument

Die sogenannte Tragfähigkeitsbescheinigung (auch Stellungnahme einer fachkundigen Stelle genannt) ist häufig der entscheidende Baustein im Antragsverfahren. Sie bestätigt, dass eine fachlich kompetente, unabhängige Stelle den Businessplan geprüft hat und die Geschäftsidee für grundsätzlich tragfähig hält.

Wer stellt die Tragfähigkeitsbescheinigung aus?

Je nach Branche und Region kommen unter anderem infrage: Industrie- und Handelskammern (IHK), Handwerkskammern (HWK), Berufsverbände, Steuerberatungen, vereidigte Buchprüfer:innen, Wirtschaftsprüfer:innen, Kreditinstitute sowie anerkannte Gründungsinitiativen. Welche Stelle im Einzelfall akzeptiert wird, sollte vorab mit der zuständigen Agentur für Arbeit geklärt werden.

Zwei Gründer besprechen den Businessplan im Büro

Der Businessplan: worauf es ankommt

Ein überzeugender Businessplan ist die Grundlage sowohl für die Tragfähigkeitsbescheinigung als auch für die Entscheidung der Agentur für Arbeit. Er sollte in der Regel folgende Punkte enthalten:

  • Beschreibung der Geschäftsidee, des Angebots und der Zielgruppe
  • Markt- und Wettbewerbsanalyse mit konkreten Mitbewerbern
  • Darstellung der eigenen Qualifikation und Erfahrung
  • Kapitalbedarfs- und Finanzierungsplan
  • Umsatz-, Kosten- und Rentabilitätsplanung, meist für die ersten drei Jahre
  • Liquiditätsplanung für die ersten Monate nach der Gründung

Ein realistischer, gut recherchierter Plan erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sowohl die fachkundige Stelle als auch die Agentur für Arbeit von der Tragfähigkeit des Vorhabens überzeugt sind. Wer sich beim Erstellen unsicher fühlt, kann auf spezialisierte Gründungsberatung oder entsprechende Bildungsangebote zurückgreifen – etwa im Rahmen des Gründungscoachings.

Zwei Kolleginnen und Kollegen prüfen gemeinsam Unterlagen

Häufige Fehler, die zur Ablehnung führen können

Aus der Praxis lassen sich einige typische Stolpersteine ableiten, die einen Antrag gefährden können:

  • Die 150-Tage-Frist wird zu spät geprüft – der Antrag muss gestellt werden, solange der Restanspruch auf ALG I noch ausreicht.
  • Die Tätigkeit wird vor der Antragstellung aufgenommen, wodurch die formale Arbeitslosigkeit vorzeitig endet.
  • Der Businessplan ist unrealistisch oder oberflächlich, etwa bei Markt- und Umsatzannahmen ohne nachvollziehbare Grundlage.
  • Unterlagen sind unvollständig, zum Beispiel fehlende Nachweise, Unterschriften oder Qualifikationsbelege.
  • Fehlende Mitwirkung bei Vermittlungsangeboten vor der Antragstellung kann die Ernsthaftigkeit des Vorhabens infrage stellen.
  • Größeres vorhandenes Vermögen ohne nachvollziehbare Erklärung, warum eine Förderung dennoch notwendig ist.
  • Übernahme eines bereits etablierten, profitablen Unternehmens wird von manchen Agenturen kritischer geprüft als eine echte Neugründung.

Gründungszuschuss oder Einstiegsgeld? Der Unterschied auf einen Blick

Wer keine Arbeitslosengeld-1-Ansprüche mehr hat, sondern Bürgergeld nach dem SGB II bezieht, kann unter Umständen stattdessen das sogenannte Einstiegsgeld nach § 16b SGB II beim zuständigen Jobcenter beantragen. Beide Leistungen verfolgen ein ähnliches Ziel, unterscheiden sich aber in wichtigen Punkten. Ausführlich zur Gründung aus dem Bürgergeld: Existenzgründung aus dem Bürgergeld: Einstiegsgeld, Förderung und Regeln 2026.

KriteriumGründungszuschussEinstiegsgeld
Rechtsgrundlage§ 93 f. SGB III§ 16b SGB II
Zuständige StelleAgentur für ArbeitJobcenter
Vorherige LeistungArbeitslosengeld 1 (ALG I)Bürgergeld (SGB II)
HöheFeste Struktur: ALG I + 300 €, dann 300 €Individuell berechnet, abhängig vom Einzelfall
Charakter der LeistungErmessensleistungErmessensleistung

Welche Förderung im Einzelfall infrage kommt, hängt von der zuletzt bezogenen Leistung und der persönlichen Situation ab. Eine verbindliche Einschätzung kann nur die zuständige Agentur für Arbeit bzw. das zuständige Jobcenter geben.

Person analysiert Finanzunterlagen und Auswertungen im Büro

Steuern und Versicherung während der Förderung

Steuerliche Behandlung

Der Gründungszuschuss gilt nach aktueller Rechtslage als steuerfreie Leistung und unterliegt in der Regel nicht der Einkommensteuer. Er kann jedoch im Rahmen des sogenannten Progressionsvorbehalts Auswirkungen auf den Steuersatz anderer Einkünfte haben. Da sich steuerliche Regelungen ändern können, empfiehlt sich eine Abstimmung mit einer Steuerberatung.

Beim Wechsel in die Selbstständigkeit stellt sich zudem die Frage der Krankenversicherung. Wer gesetzlich krankenversichert bleibt, sollte beachten, dass der Gründungszuschuss unter Umständen als beitragspflichtiges Einkommen berücksichtigt wird, was die Beitragshöhe beeinflussen kann. Bei einer privaten Krankenversicherung richten sich die Beiträge dagegen nicht direkt nach dem Einkommen. Welche Variante im Einzelfall sinnvoller ist, hängt von zahlreichen individuellen Faktoren ab und sollte separat geprüft werden.

Nach der Bewilligung: wie geht es weiter?

Mit der Bewilligung der ersten Phase beginnt die eigentliche Gründungsarbeit. In den ersten sechs Monaten liegt der Fokus meist auf dem Aufbau von Kundenbeziehungen, ersten Umsätzen und der Etablierung grundlegender Geschäftsprozesse. Rechtzeitig vor Ablauf dieser Phase sollte der Antrag auf die zweite Förderphase vorbereitet werden, inklusive Nachweisen über die bisherige, hauptberufliche Geschäftstätigkeit. Auch nach Auslaufen der Förderung bleibt es sinnvoll, die eigene Finanz- und Liquiditätsplanung regelmäßig zu überprüfen, da mit dem Ende der 300-€-Pauschale ein spürbarer Einschnitt im monatlichen Budget verbunden sein kann.

Häufig gestellte Fragen zum Gründungszuschuss

Besteht ein Rechtsanspruch auf den Gründungszuschuss?
Nein. Seit der Reform von 2011/2012 handelt es sich um eine Ermessensleistung. Selbst bei Erfüllung aller formalen Voraussetzungen entscheidet die Agentur für Arbeit im Einzelfall über die Bewilligung.
Kann ich den Gründungszuschuss auch bei einer Nebentätigkeit erhalten?
Die Selbstständigkeit muss hauptberuflich ausgeübt werden, üblicherweise mit mindestens 15 Wochenstunden. Eine untergeordnete Nebentätigkeit kann unter bestimmten Voraussetzungen möglich sein, sollte aber vorab individuell mit der Agentur für Arbeit geklärt werden.
Muss der Gründungszuschuss zurückgezahlt werden?
Bei ordnungsgemäßer Bewilligung besteht in der Regel keine Rückzahlungspflicht. Werden im Antrag jedoch falsche Angaben gemacht, kann die Agentur für Arbeit die Leistung zurückfordern.
Was passiert, wenn das Geschäft in Phase 2 weniger gut läuft?
Für die zweite Phase muss eine fortlaufende, hauptberufliche Geschäftstätigkeit nachgewiesen werden. Wie mit rückläufigen Umsätzen im Einzelfall umgegangen wird, sollte direkt mit der zuständigen Agentur für Arbeit besprochen werden.
Gilt der Gründungszuschuss auch für eine Gewerbeanmeldung und für Freiberufler:innen?
Grundsätzlich kann die Förderung sowohl für ein angemeldetes Gewerbe als auch für eine freiberufliche Tätigkeit infrage kommen, sofern die übrigen Voraussetzungen erfüllt sind. Die genaue Einordnung hängt von der jeweiligen Tätigkeit ab.

In der Beratungspraxis zeigt sich immer wieder: Ein gut vorbereiteter, realistischer Businessplan und ein frühzeitiges Gespräch mit der Agentur für Arbeit erhöhen die Chancen auf eine Bewilligung deutlich stärker als eine möglichst schnelle Antragstellung.

Individuelle Fragen zur eigenen Gründung?

Dieser Artikel vermittelt einen allgemeinen Überblick über den Gründungszuschuss. Wie die Regeln konkret auf die eigene Situation zutreffen, hängt von vielen individuellen Faktoren ab – etwa vom bisherigen ALG-I-Anspruch, der Branche oder der geplanten Rechtsform. Wer plant, aus der Arbeitslosigkeit heraus ein Unternehmen in Deutschland zu gründen, kann eine persönliche Beratung buchen oder an einem unserer Bildungsprogramme der Vitavia Business School teilnehmen. Gemeinsam lässt sich die individuelle Situation einordnen und typische Anfängerfehler lassen sich vermeiden.

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Quellen